Einleitung
Biographie Braunschweiger Zeitung vom 23.10.1999

Blick in die imaginäre Ferne
von Harald Hilpert

Markanter Blickfang gleich zu Beginn der Ausstellung. Ins Auge springt ein wild verschlungenes Chaos aus lianenartigen Schlingpflanzen, Schalengetier, Elefantenzähnen und auch Geierschnäbeln. Ein zähnefletschendes Dickicht, unter dem mit aufreizendem Charme und unergründlichen Augenschlitzen ein sich räkelnder weiblicher Akt geschützt oder erdrückt zu werden scheint. Sinnbildlich steht hier sozusagen die Sehnsucht nach unberührter Natürlichkeit.

Ein „Traum“ hat Bernward Orlob dieses großformatige, für seine Ausstellung „Metamorphosen“ wohl richtungsweisende Ölbild genannt. Denn gleich daneben hat er drei weitere voluminöse Frauengestalten hinzuplaziert. Provozierend „Angelehnt“ an die kalte Bläue des Universums die eine, naiv eine zweite und ganz „In Rot“ (feurige Erotik verstrahlend) eine dritte.

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Alle haben die sehschlitzigen Augen in eine imaginäre Ferne gerichtet. Unheilvoll. Denn Bedrohliches offerieren die restlichen Bilder in unmittelbarer Nachbarschaft. Mit wuchtiger Hektik hingeworfene Linien auf den ersten Blick, die der Künstler schließlich mit Akribie zu metallischen Monstren aufgetürmt hat. Mit subtiler Hintergründigkeit gemalte mörderische Eisenskulpturen, durch deren kühl geschliffene Wölbungen sich martialische Maschinenteile und unverkennbar Kriegsgerät horizontal und vertikal immer wieder ungestüm hindurchzudrängen scheinen. Niederschmetternde Metallgewitter über winzigen dörflichen Häuseransammlungen in „Zartgrau“ und als „Abgrenzung“ vor tiefblauer Weite. Und überall sind winzige Augen, die aus diesem detailliert gestalteten Metallgehäcksel die mordsmäßige Fratzenhaftigkeit des Krieges angstvoll zu beobachten scheinen.

Durchblicke und Ausblicke auf manchmal auch blutgetränkte „apokalytische Landschaften“, die durch Komplementärkontraste farblich geschickt bestärkt sind. Und dennoch. Durch all die Starfighter-Sturzflüge, Raketenköpfe und scharfkantigen Jumboschwänze scheint die beabsichtigte Antikriegs-Botschaft gar zu aufdringlich. Die brisante Wucht der Bilder Orlobs bedarf solcher vordergründig aktualisierenden Fingerzeig nicht. Die malerische Handschrift des arbeitswütigen Künstlers sagt das auf virtuose Weise schon zur Genüge aus. Versöhnlicher stimmen da seine exakten Beobachtungen zur schwungvollen Farbigkeit etwa von „Wasserwellen“ bis in die kleinsten Spritzigkeiten hinein. Auch die multicoloren Miniaturlandschaften sind ebenso reizvoll wie die bissige Satire etwa des Bildes „Hai-Tech“, auf dem es für einen einsamen weißen Hai kein Entrinnen aus dem wild verschlungenen Metallgestänge eines Hafenbeckens zu geben scheint.

Insgesamt eine imposante Werkschau des Malers aus Vechelde. Noch zu sehen im Ausstellungszentrum Hinter Aegidien des Braunschweigischen Landesmuseums bis zum 5. Dezember (dienstags bis sonntags von 10 bis 17. Donnerstags bis 20 Uhr).


Peiner Allgemeine Zeitung vom 23.10.1999

Apokalyptische Landschaften ohne Botschaft, die froh macht
von Susanne Gremmler

Vechelde/Braunschweig (gre.).  Die Bilder der Reihe „Apokalyptische Landschaften“ fallen auf: Unten am Bildrand winzig kleine, zusammengedrückte Stadtlandschaften. Darüber ein zerstörendes Chaos aus scharfem Metall. Überall blitzen gefährlich kalt und starr blickende Augen heraus. Die Werke des Vechelder Künstlers Bernward Orlob aus seiner jüngsten Reihe strahlen Gewalt und Zerstörung aus. Entstanden sind sie unter dem Eindruck des Balkankrieges.

Querschnitt des Schaffens

Ein Querschnitt des Schaffens von Bernward Orlob ist noch bis zum 5. Dezember im Ausstellungszentrum Hinter Aegidien des Braunschweigischen Landesmuseums zu sehen. Unter der Überschrift „Metamorphosen“ werden dort über 84 Ölbilder des 1954 in Berlin geborenen Malers gezeigt. Ausgestellt sind Werke aus verschiedenen, ineinander übergehenden oder parallel nebenherlaufenden Werkphasen: dramatische Wasserwelten, Haie in zerstörter Umwelt, Architekturen, Pflanzen-, Metallstruktur- und Frauenbilder.

Neben der Themenvielfalt fällt die große Bandbreite der Maltechniken auf: Von akribisch fein bis zu expressionistischer Gestik reicht die Art der Darstellung. Die Vorliebe für Gegensätze wie Natur und Technik, geschlossene Räume und großflächige Weiten ebenso wie für dynamisch-fließende Bewegung und statische Ruhe sind Merkmale von Orlobs Kunst. „Er experimentiert gern. Alle Bilder entstehen nicht nach festen Plänen und Ideen, sondern entwickeln sich aus einer Eigendynamik heraus“, berichtete der seit 20 Jahren mit Orlob freundschaftlich verbundene Rainer Riemenschneider während der Eröffnungsfeier am Donnerstag Abend. Wasser und Luft sind die vorherrschenden Elemente der Ausstellung. „Gerade sie erscheinen als sehr gefährdet durch die Zerstörung der Umwelt. Die Bilder künden davon“, erklärt Riemenschneider.

Kalt und starr blickende Augen

Fast auf allen Bildern sind Augen zu sehen. Kalt und starr blicken sie aus Metallteilen ebenso wie aus Pflanzen. „Die Bilder verkünden keine Botschaft, die froh macht“. Interpretieren müsse sie jeder für sich allein.